Reportage – Wiesbadener Kurier

Zur Vhs-Semestereröffnung liest der ZDF-Journalist Christian Sievers aus seinem Buch
„Grauzonen“
Von Christina Oxfort

WIESBADEN. Welcher Buchautor träumt nicht davon, dass seine Zuhörer bei einer Lesung niederknien und dann vor ihm sitzend andächtig lauschen? Für den ZDF-Journalisten und „heute“-Moderator Christian Sievers erfüllt sich dieser Traum. Er präsentiert sein 2017 erschienenes Buch „Grauzonen“ zur Semestereröffnung der Volkshochschule Wiesbaden (Vhs), und der Stadtverordnetensitzungssaal und die Galerie sind derart überfüllt, dass die knapp anderthalbstündige Lesung für viele Gäste nur mit ausgezeichnetem Stehvermögen – oder eben sitzend erlebbar wird. Freundlich nimmt er den Dank für seine „journalistische Wertarbeit“ von Stadtverordnetenvorsteherin Christa Gabriel entgegen, liefert sich mit Vhs-Direktor Philipp Salamon-Menger kein Duell um die schönste Krawatte des Abends (weil Sievers gar keine trägt), und entführt die Gäste in die Welt seiner zahlreichen „auch von Zufällen geprägten“ beruflichen Stationen.

Bildhaft-humorvolle Sprache sorgt für Gelächter im Saal
„Die Fernsehsendung ist weg. Das Buch bleibt“: Ein wenig stolz zeigt sich der 50-Jährige über sein Buch, in dem er Geschichten gebündelt hat, die nicht den Weg auf den Bildschirm gefunden haben. In rasantem Tempo skizziert er seinen journalistischen Werdegang, stets mit einem Augenzwinkern, einer Prise Humor. Zwar freut er sich über die Anerkennung seiner Arbeit, viel wichtiger jedoch sei das Vertrauen in die seriöse journalistische Arbeit. „Wir brauchen den Zusammenhalt in der Gesellschaft, die sich einig ist, was Fakt und Wahrheit ist“, sagt der Redakteur, der mit Blick auf „die uns treibenden“ Sozialen Medien betont: „Wahrheit braucht Zeit.“

Wie er als „passionierter Langschläfer“ bis 2009 elf Jahre lang das ZDF-Morgenmagazin habe moderieren können – „ich weiß gar nicht, wie ich das geschafft habe“, bekennt Sievers zum Entzücken seiner Zuhörer offenherzig. Gebannt lauschen sie den Erlebnissen seiner langjährigen Arbeit in Israel, seinen Einsätzen als Live-Reporter unter anderem nach den Terroranschlägen vom 11. September und der Tsunami-Katastrophe in Südostasien.

„Es gibt vieles, was in Deutschland großartig ist“, bilanziert Sievers, der zunächst Rechtswissenschaften studierte und sich dann doch entschloss, seine Neugier zum Beruf zu machen. Besonders vom Nahen Osten, meint er, könnten die Deutschen viel in puncto Gelassenheit, und auch mal „Fünfe gerade sein lassen“, lernen. „Regeln sind wichtig, aber ein wenig Kulanz schadet nicht“, findet er.

Weg mit dem Jackett, ran an die Beantwortung der Fragen: Zehn Minuten braucht Sievers in der Maske, in der „grünen Hölle“ (dem Studio) ohne Horizont könne man seekrank werden, die Regie ist für den Journalisten der schönste Raum im Sender auf dem Mainzer Lerchenberg: Der sehe aus „wie ein Mediamarkt auf Drogen.“ Sievers bildhaft-humorvolle Sprache sorgt immer wieder für Gelächter im Stadtverordnetensitzungssaal.

Wie werden aus rund 10 000 Meldungen jene zehn Themen ausgesucht, die den Weg in die 19-Uhr-Sendung finden? Endlose Konferenzen ebnen ihnen den Weg – „Vollständigkeit – dieser Anspruch ist nicht zu erfüllen“, räumt Christian Sievers ein. Er lässt es sich nicht nehmen, den übervollen Sitzungssaal mit seiner Handykamera aufzunehmen. Dieses Bild bleibt schließlich. Wie ein Buch.