„Das kannst du immer gebrauchen“
Christian Sievers hat in Freiburg Jura studiert – und dort zugleich seine journalistische Karriere gestartet
Als Nachrichtenmoderator vermittelt er die wichtigsten Themen des Tages in klarer, verständlicher Sprache einem Millionenpublikum: Seit 2014 präsentiert Christian Sievers die „heute“-Nachrichten im ZDF und das „heute-journal“. Nicolas Scherger hat ihn nach seinem Jurastudium an der Universität Freiburg und seinen journalistischen Überzeugungen gefragt.
Herr Sievers, Jura und Journalismus: Wie sind Sie zu dieser Kombination gekommen?
Ich war kurz vor dem Abi Praktikant bei einem Radiosender und habe da schnell gemerkt: Das würde ich gerne weitermachen. Das ist mein Ding. Mein Berufswunsch war also ziemlich früh klar. Fürs Studium bedeutete das: Ich hatte nicht diesen enormen Druck wie andere, die unbedingt ein Prädikatsexamen brauchten, andererseits war ich mit Sicherheit nicht der engagierteste Jura-Student, den Freiburg je erlebt hat.
Ich habe das Fach gewählt, weil es etwas Neues war, das in der Schule nicht vorgekommen war. Und weil ich dachte: Das kannst du gebrauchen. Es beschäftigt sich halt -wie der Journalismus- mit dem prallen, echten Leben, vom alltäglichen Kaufvertrag bis in die hohe Politik.
Was haben Sie aus dem Studium für Ihre Karriere mitgenommen?
Ich kenne den Unterschied zwischen Eigentümer und Besitzer und zwischen Berufung und Revision. Das ist schon mal nicht schlecht, gerade für Journalisten. Aber viel wichtiger: Ich habe ein Verständnis dafür gewonnen, was das Rechtssystem in einer Demokratie leisten kann – und was nicht.
Aber ich will nicht verschweigen: Ich hatte auch Sorge, dass das Studium mir die Sprache kaputtmacht. Die juristisch hundertprozentig korrekte Formulierung ist ja nicht unbedingt das, was man von Reportern gerne hört und liest. Ich finde es wichtig, so zu formulieren, wie man normalerweise spricht, und würde eine Sendung immer auch danach beurteilen, ob sie verständlich war. Das ist die Basis für alles weitere.
Nebenher waren Sie Reporter für den damaligen Südwestfunk. Wie haben Sie das gemacht?
Ich musste ja irgendwie auch in meinem Traumberuf dazulernen und weiterkommen. Und da hilft Freiburg total, weil man alles ganz grossartig mit dem Fahrrad erreichen kann. Ich konnte morgens in der Redaktionskonferenz von „S4 Radio Breisgau“ sitzen, eine Reportage für den Abend abbekommen und zwischendurch zwei Vorlesungen besuchen. Allerdings fand ich, erstens, das Jura-Studium immer schwieriger je länger es dauert, und, zweitens, das Niveau in Freiburg ausgesprochen hoch. Fürs Examen bin ich dann nach Berlin gegangen, weil ich den Eindruck hatte, da fällt es mir leichter. Und in der Übungsgruppe dort sass dann auch tatsächlich gleich einer, der eigentlich Fliessenleger werden wollte und ein anderer mit dem Traum als Kabarettist durchzustarten.
Sie haben schon bald nach dem Examen das „ZDF-Morgenmagazin“ moderiert. Was hat Sie an dem Format gereizt?
Das ist die kompletteste und gleichzeitig wahnsinnigste Live-Situation, die man sich im Fernsehen vorstellen kann. Katastrophale Uhrzeit, aber eine unglaubliche Bandbreite an Themen. Zwei Bundesminister, eine Parteivorsitzende, ein Schauspielsternchen und ein Bundesligatrainer – alles in einer Sendung. Das liegt mir total, weil ich mich für wirklich sehr viel sehr schnell begeistern kann. Es war auch eine grossartige Schule für alles Weitere. Wer mal 10 Jahre lang Frühstücksfernsehen gemacht hat, den überrascht so schnell nichts mehr.
Eine Ihrer weiteren Stationen war die Leitung des ZDF-Auslandsstudios in Tel Aviv/Israel. Welche Erfahrung aus dieser Zeit hat Sie besonders geprägt?
Ich habe den Nahen Osten und seine Menschen lieben gelernt. Das ist eine Krisenregion und gleichzeitig so viel mehr: Wärme, nicht nur meteorologisch, Grossherzigkeit und eine fast beschämende Gastfreundschaft. Die überwiegende Zahl der Menschen dort wünscht sich schlicht eine gute Zukunft für sich und die Kinder. Viel zu häufig klappt das nicht – aus militärischen, politischen -oft auch wirtschaftlichen- Gründen. Die Herausforderung für den Journalismus ist, diese Hintergründe zu zeigen, und klarzumachen, was geostrategische Entscheidungen bedeuten für die Leidtragenden vor Ort.
Wie lassen sich so komplexe Themen in Fernsehbeiträgen von wenigen Minuten vermitteln?
Indem man kleine Geschichten findet, die viel aussagen. Wenn Sie versuchen, den Nahostkonflikt in 90 Sekunden zu erklären, werden Sie scheitern. Aber Sie können die Auswirkungen einer konkreten politischen Entscheidung auf eine Familie schildern – und die Zuschauer daraus Schlüsse ziehen lassen auf das große Ganze.
Was macht guten Journalismus für Sie aus, und warum ist er so wichtig?
Da muss man sich nur die Diktaturen dieser Welt angucken: Jeder Diktator versucht als erstes, die freie Presse auszuschalten – oft im wahrsten Sinne des Wortes. Guter Journalismus ist frei, unabhängig von externem Druck und schaut sich die Situation vor Ort an, statt aus zweiter Hand zu berichten. Guten Journalismus erkennt man auch daran, dass er eigene Fehler offenlegt und korrigiert.
Seit 2014 moderieren Sie die „heute“-Nachrichten. Wie läuft ein Tag in der Redaktion ab?
Er beginnt morgens mit Radio hören, Zeitung lesen, Social Media Networks checken. Dann haben wir eine lange Folge von Konferenzen. Man muss sich das ein bisschen vorstellen wie an der Börse: Wir haben jeden Abend Platz für etwa 15 Themen, bekommen aber 15.000 unterschiedliche Meldungen rein. Die Kunst besteht darin, das herauszufiltern, was wirklich relevant ist. Darüber diskutieren wir den gesamten Tag und planen dabei ständig um – wenn nötig, auch dann noch, während die Sendung schon läuft.
Welche Schlagzeile würden Sie gerne über die Universität Freiburg schreiben?
Ein kompaktes Zentrum für Denker und Gedanken in einer traumhaft schönen Stadt.


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